Nazi "Euthanasia" Program

Euthanasieprogramm

Mit ihrem „Euthanasieprogramm“ verfolgten die Nationalsozialisten die Absicht, Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen zu töten. Diese galten als genetisch defekt und würden nach NS-Auffassung die „arische” Rasse verunreinigen. Zudem stellten Menschen mit Behinderungen in den Augen der Nationalsozialisten eine finanzielle Belastung für die Gesellschaft dar.

Wichtige Fakten

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    Der Begriff „Euthanasie“ bedeutet wörtlich „guter Tod“. Er bezieht sich in der Regel auf die Ermöglichung eines schmerzfreien Todes einer chronisch oder unheilbar kranken Person, die andernfalls leiden würde.

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    Im nationalsozialistischen Kontext wurde der Begriff „Euthanasie“ jedoch entfremdet. Euthanasie in der NS-Zeit war nichts anderes als der Deckname für ein systematisches Morden.

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    Das Euthanasieprogramm zielte auf die systematische Tötung von Patienten mit geistigen und körperlichen Behinderungen ab, die in entsprechenden Einrichtungen in Deutschland und von Deutschland angeschlossenen Gebieten untergebracht waren.

Erstes Massenmordprogramm unter dem NS-Regime

Das Euthanasieprogramm war das erste Massenmordprogramm der Nationalsozialisten. Es ging dem Völkermord an den europäischen Juden (Holocaust) etwa zwei Jahre voraus. Das Programm war eine von vielen radikalen eugenischen Maßnahmen, die darauf abzielten, die „rassische Integrität“ des Landes wiederherzustellen. Ziel war es, zu beseitigen, was Eugeniker und ihre Anhänger als „lebensunwertes Leben“ ansahen: Menschen, die aus ihrer Sicht aufgrund psychischer Erkrankungen sowie geistiger und körperlicher Behinderungen sowohl eine genetische als auch eine finanzielle Belastung für die deutsche Gesellschaft und den Staat darstellten.

Kinder-Euthanasieprogramm

Euthanasie-Tötungsanstalt Hadamar

In den Frühjahr- und Sommermonaten 1939 begannen die Planungsbeauftragten, eine geheime Aktion zur Tötung behinderter Kinder zu organisieren. Sie wurden von Philipp Bouhler, dem Direktor der Privatkanzlei Hitlers, und Karl Brandt, dem Leibarzt Hitlers, geleitet.

Am 18. August 1939 erließ das Reichsministerium des Innern eine Verordnung, die alle Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen verpflichtete, Neugeborene und Kinder unter drei Jahren, die Anzeichen einer schweren geistigen oder körperlichen Behinderung zeigten, zu melden.

Ab Oktober 1939 wirkten die Gesundheitsbehörden auf die Eltern von Kindern mit Behinderungen ein. Sie sollten dazu bewegt werden, ihre Kleinkinder einer der speziell dafür vorgesehenen Kinderkliniken in Deutschland und Österreich anzuvertrauen. In Wirklichkeit waren die Kliniken Kindermordanstalten. Eigens dafür rekrutiertes medizinisches Personal verabreichte den Kindern tödliche Überdosen von Medikamenten oder ließ sie verhungern.

Zunächst nahmen Mediziner und Klinikverantwortliche nur Säuglinge und Kleinkinder in das Programm auf. Mit Ausdehnung der Maßnahme wurden später jedoch auch Jugendliche bis 17 Jahren einbezogen. Konservativen Schätzungen zufolge sind in den Kriegsjahren mindestens 5000 körperlich und geistig behinderte deutsche Kinder an den Folgen des Kinder-Euthanasieprogramms gestorben.

Ausweitung des Euthanasieprogramms

Die Euthanasieverantwortlichen gingen rasch dazu über, das Tötungsprogramm auch auf erwachsene Behinderte auszudehnen, die in Einrichtungen untergebracht waren. Im Herbst 1939 unterzeichnete Adolf Hitler eine Geheimvollmacht, um die teilnehmenden Ärzte, das medizinische Personal und die Verwaltung vor strafrechtlicher Verfolgung zu schützen. Diese Genehmigung wurde rückwirkend zum 1. September 1939 erteilt, um die Maßnahmen in einen kriegsbezogenen Zusammenhang zu stellen.

Die Kanzlei des Führers war eine kompakte und von Staats-, Regierungs- oder Parteiapparaten getrennte Einheit. Aus diesen Gründen wählte Hitler die Kanzlei als Zentrale für das Euthanasieprogramm. Der Deckname dafür war „Aktion T4“. Er bezieht sich auf die Anschrift der Zentraldienststelle des Programms in Berlin: Tiergartenstraße 4.

Hartheim-Register

Nach Weisung Hitlers waren der Leiter der Kanzlei des Führers, Phillip Bouhler, und der Arzt Karl Brandt für die Tötungsaktion verantwortlich. Unter ihrer Leitung errichteten die T4-Mitarbeiter sechs Euthanasie-Tötungsanstalten im Gebiet des Deutschen Reiches. 

  • Brandenburg, Brandenburg an der Havel in Brandenburg
  • Grafeneck, Gomadingen in Baden-Württemberg
  • Bernburg, Bernburg (Saale) in Sachsen-Anhalt
  • Sonnenstein, Pirna in Sachsen
  • Hartheim, Alkoven bei Linz, Oberösterreich
  • Hadamar, Hadamar bei Limburg, Hessen

Mit einem einst für das Kinder-Euthanasieprogramm entwickelten Verfahren begannen die T4-Planer im Herbst 1939, äußerst sorgfältig formulierte Fragebögen an alle Gesundheitsbehörden, öffentliche und private Krankenhäuser, psychiatrische Einrichtungen und Pflegeheime für chronisch Kranke und ältere Menschen zu verteilen. Der begrenzte Platz und der Wortlaut auf den Formularen sowie die Anweisungen im beigefügten Begleitschreiben erweckten den Eindruck, dass es sich um eine einfache Umfrage zur Erfassung statistischer Daten handelte.

Der unheilvolle Zweck des Formulars konnte lediglich aufgrund der Betonung der Arbeitsfähigkeit des Patienten und der Patientenkategorien vermutet werden, die von den Gesundheitsbehörden anzugeben waren. Folgende Patientenkategorien mussten gemeldet werden:

  • Patienten, die an Schizophrenie, Epilepsie, Demenz, Enzephalitis und anderen chronischen psychiatrischen oder neurologischen Störungen litten
  • Patienten, die nicht deutsch oder „artverwandten Blutes“ waren
  • geistesgestörte Straftäter oder strafrechtlich Verurteilte
  • Patienten, die seit mehr als fünf Jahren in der Einrichtung eingewiesen waren

Heimlich rekrutierte „medizinische Fachleute“, viele von ihnen mit hervorragendem Ruf, arbeiteten jeweils zu dritt an der Auswertung der Formulare. Auf der Grundlage ihrer Entscheidungen begannen die T4-Verantwortlichen ab Januar 1940 mit der Verlegung der für das Euthanasieprogramm ausgewählten Patienten aus ihren ursprünglichen Einrichtungen. Die Patienten wurden mit Bussen oder Zügen in eine der zentralen Tötungsanstalten transportiert, um sie dort zu ermorden.

Innerhalb weniger Stunden nach ihrer Ankunft in den Zentren kamen die Opfer in den Gaskammern zu Tode. In die als Duschräume getarnten Gaskammern wurde reines Kohlenmonoxidgas eingeleitet. Die T4-Beamten verbrannten die Leichen in Krematorien, die einen Teil der Tötungsanstalten bildeten. Arbeiter entnahmen willkürlich Asche der verbrannten Opfer und schickten sie in Urnen an die Angehörigen. Die Familien oder Vormunde der Opfer erhielten die Urne zusammen mit einer Sterbeurkunde und anderen Dokumenten, in denen eine erfundene Todesursache und Todesdatum angegeben waren.

Irmgard Huber, Oberschwester in der Euthanasie-Tötungsanstalt Hadamar

Da das Programm der Geheimhaltung unterlag, betrieben die T4-Planer und -Funktionäre großen Aufwand, um die eigentlichen Absichten des Programms zu vertuschen. Wenngleich Ärzte und Verwalter sorgfältige offizielle Aufzeichnungen fälschten, um den Anschein zu erwecken, die Opfer seien an einer natürlichen Ursache gestorben, wurde der wahre Hintergrund des Euthanasieprogramms schnell zu einem offenen Geheimnis. Die Maßnahmen waren in der Öffentlichkeit weitläufig bekannt. Die Morde stießen privat und öffentlich auf Protest, insbesondere bei den Mitgliedern des deutschen Klerus. Zu diesen Geistlichen gehörte auch der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Er protestierte in einer Predigt am 13. August 1941 gegen die T4-Morde. Angesichts des Kenntnisstands in der Öffentlichkeit und der Proteste ordnete Hitler Ende August 1941 einen Stopp des Euthanasieprogramms an.

Nach eigenen internen Aufzeichnungen der T4-Verantwortlichen haben zwischen Januar 1940 und August 1941 in den sechs Tötungsanstalten 70 273 geistig und körperlich Behinderte infolge des Euthanasieprogramms ihr Leben gelassen.

Zweite Phase

Hitlers Forderung nach einem Stopp der T4-Aktion bedeutete jedoch nicht das Ende der Euthanasietötungen. Für Kinder wurde das Euthanasieprogramm wie gehabt fortgesetzt. Deutsche Ärzte und medizinische Mitarbeiter setzten im August 1942 die Ermordungen fort, wobei sie jedoch unauffälliger vorgingen als zuvor. Dezentraler als in der ersten Phase der Vergasungen waren die neuerlichen Maßnahmen nunmehr eng an die regionalen Anforderungen gebunden, wobei die lokalen Behörden das Tempo der Tötungen bestimmten.

In der zweiten, im gesamten Reich groß angelegten Phase wurden die Tötungshandlungen weniger offensichtlich durchgeführt. Meist wurden überdosierte Medikamente und tödliche Injektionen verabreicht, was sich bereits beim Kinder-Euthanasieprogramm bewährt hatte. In vielen Einrichtungen ließ man Erwachsene und Kinder systematisch verhungern.

Das Euthanasieprogramm wurde bis in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs fortgesetzt und auf immer breitere Zielgruppen angewendet, darunter Geriatriepatienten, Bombenopfer und ausländische Zwangsarbeiter. Historiker schätzen, dass dem Euthanasieprogramm insgesamt 250 000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Menschen mit Behinderungen im von Deutschland besetzten Osten

Auch in dem von Deutschland besetzten Osten waren Menschen mit Behinderungen der Gewalt der Deutschen ausgesetzt. Die Deutschen beschränkten das Euthanasieprogramm, das als „rassenhygienische“ Maßnahme begann, auf das Reich selbst. Dieses umfasste Deutschland und die angeschlossenen Gebiete Österreich, Elsass-Lothringen, das Protektorat Böhmen und Mähren sowie den Warthegau im ehemaligen Polen. Nach nationalsozialistischer Ideologie führten die Betroffenen ein „lebensunwertes Leben“, sodass auch Patienten in Einrichtungen Polens und der Sowjetunion Opfer von Erschießungen wurden. Die Ermordung behinderter Patienten war dort Aufgabe von SS und Polizei, und nicht die der Ärzte, Pfleger und T4-Verwalter, die das Euthanasieprogramm implementiert hatten.

In Pommern, Westpreußen und im besetzten Polen ermordeten SS- und Polizeieinheiten bis Herbst 1941 rund 30 000 Patienten. Es sollte Platz geschaffen werden für die so genannten Volksdeutschen, die aus den Baltenstaaten und anderen Gebieten umgesiedelt werden sollten.

Auch in den besetzten Sowjetgebieten ermordeten SS und Polizei behinderte Patienten im Rahmen von Massenerschießungen oder durch Vergasung. Viele weitere Tausend wurden von SS und Hilfspolizei in ihren Betten und Unterkünften ermordet. Bei diesen Morden fehlte jedoch das ideologische Element, das dem zentralisierten Euthanasieprogramm zugeschrieben wurde. Bei der Tötung der in Anstalten untergebrachten Patienten im besetzten Polen und der Sowjetunion ging es der SS offenbar in erster Linie um wirtschaftliche und materielle Ziele.

SS und Wehrmacht widmeten die infolge ihrer Tötungsaktionen leeren Krankenhäuser kurz darauf in Kasernen, Reservelazarette und Munitionslager um. In seltenen Fällen nutzte die SS die leeren Anlagen als formelle T4-Vernichtungsorte. Ein Beispiel dafür ist die Euthanasieeinrichtung Tiegenhof bei Gnesen (heutiges Gniezno, im westlichen Zentralpolen).

Bedeutung des Euthanasieprogramms

Bahnhof in der Nähe des Vernichtungslagers Treblinka

Das Euthanasieprogramm war in vielerlei Hinsicht eine Generalprobe für die darauf folgende Völkermordpolitik des NS-Staates. Die NS-Führung erweiterte die ideologische Rechtfertigung für die Vernichtung „Untauglicher“ auch auf andere Zielgruppen, die als biologische Feinde wahrgenommen wurden. Dazu gehörten insbesondere Juden und Roma.

Die Planer der „Endlösung“ nutzten später die eigens für die Aktion T4 entwickelten Gaskammern und Krematorien für die Ermordung von Juden in dem von Deutschland besetzten Europa. Die T4-Mitarbeiter, die sich bereits im ersten Massenmordprogramm als zuverlässig erwiesen hatten, wurden bevorzugt in den Tötungszentren der Aktion Reinhard in Belzec, Sobibor und Treblinka eingesetzt.

Genau wie die Planer der physischen Vernichtung der europäischen Juden, stellten sich auch die Planer des Euthanasieprogramms eine „rassenreine“ und produktive Gesellschaft vor. Mit radikalen Strategien wurden all diejenigen ausgelöscht, die nicht mit dieser Vision vereinbar waren.

Literaturhinweise

Gallagher, Hugh Gregory. By Trust Betrayed: Patients, Physicians, and the License to Kill in the Third Reich. Arlington, VA: Vandamere Press, 1995.

Aly, Götz, Peter Chroust und Christian Pross. Cleansing the Fatherland: Nazi Medicine and Racial Hygiene. Baltimore, MD: Johns Hopkins University Press, 1994.

Bryant, Michael S. Confronting the "Good Death": Nazi Euthanasia on Trial, 1945-1953. Boulder: University Press of Colorado, 2005.

Burleigh, Michael. Death and Deliverance: „Euthanasia“ in Germany c. 1900-1945. Cambridge: Cambridge University Press, 1994.

Friedlander, Henry. The Origins of Nazi Genocide: From Euthanasia to the Final Solution. Chapel Hill: University of North Carolina Press, 1995.

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