<p>SS-Truppen führen eine Gruppe von Polen in einen Wald in der Nähe von Witaniow, Polen, Oktober-November 1939.</p>
Diskussionsfrage

Was wird durch Krieg möglich?

Die Verfolgung von Juden und anderen Zielgruppen war Regierungspolitik, seit die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 bildete der Krieg jedoch die Grundlage für eine noch extremere NS-Politik.

Der 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs bietet Gelegenheit, über grundlegende Fragen zur Bedeutung des Krieges nachzudenken. Welche Möglichkeiten hat der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eröffnet?

Hintergrundinformationen zu dieser Diskussion sind den verwandten Artikeln zu entnehmen.

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Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939, als Deutschland das benachbarte Polen überfiel. Der Krieg stellte die nationalsozialistische Führung gleichermaßen vor Chancen und Herausforderungen. Er bot beispielsweise die Gelegenheit, unter dem Deckmantel eines Kampfes um das nationale Überleben, NS-Ideologie auf weitem geographischen Raum in die Praxis umzusetzen. Viele Deutsche glaubten, dass die Juden und feindliche ausländische Mächte Deutschland diesen Kampf aufgezwungen hätten. Der Krieg ermöglichte dem nationalsozialistischen Deutschland, der Umsetzung seiner Rassenideologie ein neues Format zu verleihen. NS-Propagandisten stellten den Überfall auf Polen als notwendige Verteidigungsmaßnahme dar, um Deutschland vor seinen Feinden zu schützen. 

NS-Ideologie und Überzeugungen basierten auf extremen Formen von Rassismus und Antisemitismus. Zu den Zielen der nationalsozialistischen Rassenideologie gehörte die Schaffung einer rassisch definierten „Volksgemeinschaft", die Erweiterung des Machtgebiets durch die Eroberung von Lebensraum und die Unterwerfung der inneren und äußeren Feinde Deutschlands. Die Nationalsozialisten betrachteten Juden als die gefährlichsten Rassenfeinde und damit als existenzielle Bedrohung für das deutsche Volk. 

Die deutsche Besatzungspolitik in Polen war brutal und zielte auf die Zerstörung der polnischen Nation und Kultur ab. Die Nationalsozialisten verfolgten all jene unter der einheimischen Bevölkerung, die als Widerständler oder Kulturträger verdächtigt wurden, und deutsche Polizei-, SS- und Armeeeinheiten sowie lokale deutsche Milizen erschossen tausende von polnischen Zivilisten und jüdischen Einwohnern, darunter Priester, Politiker, Lehrer, Kriegsgefangene und –geiseln. Ein Grossteil der einheimischen Bevölkerung musste Zwangsarbeit leisten. Weiterhin bot der Krieg den deutschen Besatzern die Gelegenheit, das deutsche Reich territorial zu erweitern, Nahrungsmittel und andere Besitztümer zu stehlen und Kulturgüter wie Bibliotheken, Kunstwerke und Archive zu plündern oder zu zerstören.

Die meisten Menschen, die von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren ermordet wurden, fielen durch militärische Niederlagen unter ihre Kontrolle. So kontrollierten NS-Funktionäre im besetzten Polen eine große jüdische Bevölkerung. Die Lösung der „Judenfrage“ war eines der Kernziele des Nationalsozialismus. Mit dem Krieg wurde sie zu einem Kriegsziel, wenngleich die einzusetzenden Mittel noch unklar waren. Fast zwei Millionen der 3,3 Millionen jüdischen Vorkriegsbevölkerung Polens lebten in den von Deutschland besetzten Gebieten. 1,3 Millionen lebten in Gebieten, die von der Sowjetunion nach dem deutsch-sowjetischen Pakt von August 1939 besetzt waren. Dieser hatte den Weg für die Invasion geebnet. In den folgenden Jahren suchten die Nationalsozialisten unter dem Deckmantel des Kriegs nach einer „Endlösung“. In der Zwischenzeit sperrten sie die Juden in Ghettos, verwehrten ihnen Nahrung und Medikamente und zwangen sie zur Arbeit. Schließlich entschlossen sich die Deutschen für den organisierten Massenmord, ein Programm, das sie ohne den Krieg als Begründung nie hätten umsetzen können.

Wo immer Hitler seinen Fuß setzt, gibt es keine Hoffnung für das jüdische Volk. Hitler – möge sein Name ausgelöscht werden – drohte in einer seiner Reden damit, dass im Kriegsfall die Juden Europas vernichtet würden. Die Juden begreifen und spüren, was auf sie zukommt, wo auch immer Hitlers Armee eine vorübergehende Eroberung gelingt. – Tagebuch von Chaim Kaplan, 1. September 1939.

Der Krieg bot der NS-Führung auch die Möglichkeit zur „Säuberung der Volksgemeinschaft“ durch die systematische Tötung behinderter Deutscher. Diese wurden von den Nationalsozialisten als genetische Makel betrachtet, die an Ressourcen zehrten, die das deutsche Volk zur Kriegsführung benötigte. In einer geheimen Notiz, die auf den 1. September 1939 rückdatiert war, um den Krieg als Deckmantel zu nutzen, autorisierte Hitler das Euthanasie-Prgramm. Begriffe der NS-Führer wie „Euthanasie“ und „Gnadentod“ sollten über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es sich bei der Operation eigentlich um ein Massenmordprogramm von Patienten mit geistigen und körperlichen Behinderungen handelte. Die Opfer wurden von psychiatrischen und anderen Pflegeeinrichtungen in spezielle „Euthanasiezentren“ transportiert. Diese waren mit Gaskammern ausgestattet, die als Duschen getarnt waren. 

Mit dem Auftreten von Sicherheitsmaßnahmen während des Krieges dehnte sich das Lagersystem auf besetzte Gebiete aus. Die SS, Polizeieinheiten und die Wehrmacht verfolgten rücksichtslos alle Personen und Gruppen, von denen sie glaubten, dass sie die deutschen Kriegsanstrengungen schwächten oder eine Bedrohung für das deutsche Volk darstellten.  Roma und Sinti, Zeugen Jehovas, Widerstandskämpfer aus ganz Europa, deutsche Deserteure oder Soldaten, die gegen Vorschriften verstoßen hatten, einfache Kriminelle, Zwangsarbeiter, die vorgeblich nicht hart genug gearbeitet hatten, jugendliche Straftäter, Homosexuelle – all diese Gruppen wurden verfolgt. Aber auch viele Millionen weiterer Menschen, die keiner Straftat bezichtigt wurden, mussten Zwangsarbeit leisten.

Der Zweite Weltkrieg und die harte deutsche Besatzungspolitik schafften das Klima, die Gelegenheit und die Grundlage, die schließlich die zivilen und militärischen NS-Führer in Berlin und vor Ort dazu veranlassten, sich einer radikaleren, mörderischeren Politik zuzuwenden. Der Massenmord an Juden, oftmals unterstützt durch lokale Kollaborateure, begann mit dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 und eskalierte sehr schnell zum Völkermord an den europäischen Juden. Bis Ende 1942 wurden vier Millionen Juden getötet. Bis zur Landung der Allierten im besetzten Frankreich am 6. Juni 1944 waren es bereits fünf Millionen. Der Holocaust endete erst, als die alliierten Soldaten das nationalsozialistische Deutschland besiegten.

Der Völkermord an den Juden Europas und die Ermordung und Ausbeutung anderer Zielgruppen wären ohne den Zweiten Weltkrieg und die ersten militärischen Erfolge Deutschlands nicht möglich gewesen.

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