
Eyshishok: Auslöschung einer jüdischen Gemeinde
Das nationalsozialistische Regime und seine Verbündeten und Kollaborateure verübten Massenerschießungen an Juden im besetzten Osteuropa. Man spricht in dem Zusammenhang auch vom „Holocaust durch Kugeln“. Zwei Millionen Juden fielen den Massenerschießungen und den damit verbundenen Massakern zum Opfer. Die deutschen Behörden vernichteten auf diese Weise jüdische Gemeinden in mehr als 1.500 Dörfern, Ortschaften und Städten Osteuropas. Eyshishok war eine dieser Gemeinden.
Wichtige Fakten
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Vor dem Zweiten Weltkrieg war Eyshishok eine überwiegend jüdisch geprägte Stadt im Nordosten Polens. Während des Krieges wurde Eyshishok von verschiedenen Staaten kontrolliert.
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Am 25. und 26. September 1941 erschossen das deutsche Einsatzkommando 3 und litauische Hilfstruppen etwa 3.500 Juden, darunter den Großteil der Einwohner der Stadt.
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An die Juden von Eyshishok wird im Turm der Gesichter, einer Ausstellung im United States Holocaust Memorial Museum, erinnert. Der Turm zeigt über 1.000 Fotografien aus dem Leben vor dem Holocaust.
Die jüdische Gemeinde von Eyshishok ist zu einem Symbol für das Leben und die Gemeinden geworden, die im Holocaust ausgelöscht wurden. Den Bewohnern der Stadt Eyshishok wird in der Ausstellung Turm der Gesichter des United States Holocaust Memorial Museum gedacht.
Historisch ist Eyshishok unter verschiedenen Namen bekannt, darunter Ejszyszki (Polnisch) und Eišiškės (Litauisch). Eyshishok (איישישאָק) ist der jiddische Name der Stadt und war der Name, den die jüdische Gemeinde dort gewöhnlich verwendete. Heute liegt Eyshishok im Bezirk Vilnius (Litauen), nahe der litauisch-belarussischen Grenze. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gehörte dieses Gebiet jedoch zu Polen.
Eyshishok und seine Umgebung blicken auf eine lange Geschichte der Vielfalt zurück. In der Region waren mehrere Religionen, Ethnien und Sprachen vertreten. Dies ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass die Region in den letzten 300 Jahren mehrfach von verschiedenen Machthabern beansprucht wurde. Historisch gesehen war die Region die Heimat verschiedener ethnischer Gruppen, die viele unterschiedliche Sprachen sprachen, darunter Belarussen, Juden, Litauer, Polen und Tataren. Die Region war außerdem multireligiös und Heimat von Katholiken, Juden, Muslimen und orthodoxen Christen.
Vor dem Holocaust war Eyshishok ein Schtetl. Shtetl ist ein jiddisches Wort, das typischerweise eine kleine Marktstadt in Osteuropa mit einer überwiegend jüdischen Bevölkerung beschreibt. Im späten 19. Jahrhundert zählte Eyshishok etwa 2.000 bis 3.000 Einwohner. Die Einwohner waren zu 70 Prozent jüdisch. Die übrigen 30 Prozent waren hauptsächlich Polen, von denen viele römisch-katholisch waren. In und um Eyshishok waren die meisten Bauern ethnische Polen. Litauer, Tataren und Belarussen lebten ebenfalls in der Region und standen im Austausch mit den Bewohnern von Eyshishok.
Die jüdische Gemeinde in Eyshishok
Vor dem Holocaust existierte in Eyshishok nachweislich über 250 Jahre lang eine jüdische Gemeinde. In der Zwischenkriegszeit gehörten der jüdischen Gemeinde von Eyshishok etwa 2.000 Menschen an. Die genauen Bevölkerungszahlen schwankten infolge von Krieg und Emigration.
Für die Juden von Eyshishok war das Leben in der Stadt stark in jüdischen Traditionen verwurzelt. In der Stadt gab es zahlreiche jüdische Kulturorganisationen, Bildungsangebote und Hilfsvereine. Nahe dem Hauptplatz befand sich ein Synagogenkomplex. Im Hof der Synagoge, dem Shulhoyf gab es zwei Orte für das Torastudium (das alte und das neue Batei Midrash) und ein rituelles Bad (Mikvah). Es gab auch eine hebräische Tagesschule.
Das wirtschaftliche Leben in Eyshishok fand um den Marktplatz und den dort jeden Donnerstag abgehaltenen Wochenmarkt statt. Am Marktplatz im Zentrum waren viele der Geschäfte und Firmen der Stadt ansässig. Zu den Kunden gehörten die jüdischen und polnischen Stadtbewohner sowie die polnischen Bauern aus dem Umland. Viele jüdische Familien der Stadt führten und besaßen kleine Geschäfte, wie zum Beispiel Bäckereien, ein Fotoatelier, Gaststätten und Lebensmittelgeschäfte. Einige Juden arbeiteten als Schuhmacher, Schneider, Schmiede, Metzger oder in anderen Berufen. Viele dieser Betriebe kämpften in den 1920er- und 1930er-Jahren um ihre Existenz. Zu dieser Zeit wirkte sich die Wirtschaftspolitik der polnischen Regierung nachteilig auf den jüdischen Handel und jüdisches Gewerbe aus.
Innerhalb der jüdischen Gemeinde von Eyshishok gab es einen starken Zusammenhalt, sie wurde jedoch auch immer vielfältiger. Durch den Ausbau der Infrastruktur in der Region in den 1920er- und 1930er-Jahren war Eyshishok nun besser mit der Außenwelt verbunden. In den 1920er-Jahren ließ die polnische Regierung eine befestigte Straße durch Eyshishok bauen. Eine jüdische Familie betrieb eine Shell-Tankstelle im Ortszentrum, an der Busse auftankten. 1931 wurde die Stadt an die elektrische Stromversorgung angeschlossen.
Nicht alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Eyshishok teilten dieselben politischen oder religiösen Ansichten. Die generationsbedingten und politischen Spaltungen, die in weiten Teilen Europas und Nordamerikas zu Spannungen führten, machten sich auch in Eyshishok bemerkbar. Jüngere Generationen wandten sich von den Schtetl-Traditionen ab. Viele lockte das moderne Leben in größeren Städten und Kulturzentren wie Vilna (Wilno/Vilnius). Einige wurden auch von modernen, säkularen politischen Bewegungen wie dem Kommunismus angezogen.
Interethnische Beziehungen in Eyshishok
In Eyshishok lebten Juden nicht isoliert von den anderen Gruppen in der Umgebung. Juden und Nichtjuden lebten in Eyshishok eng beieinander und arbeiteten täglich zusammen. Viele unterhielten enge Beziehungen untereinander. Einige polnische Bauern hielten sogar einen separaten Topf für jüdische Besucher bereit, die koscher aßen, also die strengen Speisevorschriften nach dem jüdischen Religionsgesetz einhielten.
Die Kabaczniks gehörten zu den prominenteren jüdischen Familien der Stadt. Sie führten eine Gerberei und einen Ledergroßhandel. Viele ihrer Angestellten waren Polen, darunter die Haushälterin, die mit der Familie Jiddisch sprach. Die Kabaczniks waren mit einigen polnischen Familien in der Stadt eng befreundet. Miriam Kabacznik erinnerte sich:
Wir führten ein normales Leben. Ein normales, angenehmes Leben. Wir kannten einander. Es war freundlich. Gastfreundlich. Unsere Tür stand immer offen. Die Türen waren stets offen und unverschlossen. Wir hatten viele nicht jüdische Freunde. Sie waren stets willkommen im Haus. Und sie besuchten uns.
Aber es gab auch Schwierigkeiten zwischen einigen Menschen und Gruppen in Eyshishok. Die Interaktionen waren zeitweise von Vorurteilen und Ressentiments geprägt, welche oft auf religiöse und gesellschaftliche Unterschiede zurückzuführen waren. So kam es zum Beispiel am Markttag oft zu Streitigkeiten zwischen Bauern und Städtern. Einige jüdische Kinder erinnerten sich an Schulhofstreitereien, bei denen ihre polnischen Mitschüler antisemitische Schimpfwörter benutzten.
Der Zweite Weltkrieg veränderte die Beziehungen der Menschen in Eyshishok. Besatzungstruppen spielten die Gruppen gegeneinander aus und zerstörten damit das seit langem bestehende ethnische Geflecht. Die Brutalität der NS-Besatzer war äußerst destabilisierend und zerstörerisch.
Eyshishok und der Verlauf des Zweiten Weltkriegs
Der Zweite Weltkrieg begann im September 1939 mit dem Einmarsch Deutschlands in Polen. Zwei Wochen später marschierte die Sowjetunion in Ostpolen ein und besetzte es. Zu dieser von der Sowjetunion besetzten Region gehörte auch Eyshishok. Im Oktober 1939 übergab die Sowjetunion Eyschischok und die umliegende Region an Litauen.
Eyshishok als litauische Grenzstadt (1939–1940)
Ab Oktober 1939 gehörte Eyshishok zu Litauen. Die Stadt lag nur wenige Kilometer von der Grenze zwischen Litauen und dem von den Sowjets besetzten Polen entfernt.
Als Grenzstadt fungierte Eyshishok als Transitpunkt für jüdische Flüchtlinge. Zum damaligen Zeitpunkt konnten Juden und andere Menschen noch aus dem von Deutschland und der Sowjetunion besetzten Polen über Litauen fliehen. Viele Menschen überquerten illegal die Grenze und umgingen so die litauische Grenzpolizei. Lokale Bauern führten oft Flüchtlinge über die Grenze nach Eyshishok und dann nach Vilnius. Die Flüchtlinge benötigten Lebensmittel, Unterkunft und Wegbeschreibungen. Der Rabbiner von Eyshishok, Szymen Rozowski, gründete ein Komitee, um ihnen zu helfen.
Von den Flüchtlingen erfuhren die Juden in Eyshishok von der Verfolgung der Juden im besetzten Polen durch die Nazis.
Die sowjetische Besatzung Litauens (Sommer 1940–Juni 1941)
Im Sommer 1940 marschierte die Sowjetunion in Litauen ein und annektierte es. Somit kam Eyshishok erneut unter sowjetische Kontrolle. Die Sowjets transformierten die Verwaltung Litauens, indem sie Kommunisten auf regionaler und lokaler Ebene an die Macht brachten. Die Sowjets deportierten Tausende Menschen nach Sibirien.
Als kommunistischer Staat war das von der Sowjetunion kontrollierte Litauen gegen die Religion und freies Unternehmertum. Die neue Regierung führte eine harte Politik gegen viele Menschen im besetzten Litauen ein, darunter sowohl Juden als auch Nichtjuden. Die kommunistischen Behörden verstaatlichten das Privateigentum. Auf diese Weise verloren in Eyshishok einige der wohlhabenden Einwohner ihre Geschäfte und Häuser. Auch einige religiöse Einrichtungen wurden von der Regierung geschlossen.
In Eyshishok führten diejenigen örtlichen Juden, welche die Kommunisten unterstützten, diese Politik innerhalb ihrer eigenen Gemeinde durch. Sie vertrieben Rabbi Rozowski aus seinem Haus und schlossen die hebräische Tagesschule. Die Synagoge blieb jedoch geöffnet und die Gemeinde beging weiterhin religiöse Feiertage.
In Litauen lehnten viele Juden und Nichtjuden die sowjetische Kontrolle und die Verstaatlichungspolitik der neuen kommunistischen Behörden ab. Einige Litauer machten Juden für die sowjetischen Maßnahmen verantwortlich. Die sowjetische Besatzung schürte neue Ressentiments, die oft auf älteren Vorurteilen beruhten.
Deutsche Besatzung Litauens (Juni 1941–1944)
Am 22. Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an, einschließlich des sowjetisch besetzten Polens und Litauens. Die Nationalsozialisten führten eine brutale Kampagne gegen den Kommunismus und richteten Menschen hin, die für die sowjetischen Besatzer gearbeitet hatten. Viele Litauer waren froh über das Ende der sowjetischen Besatzung und hofften auf die Wiederherstellung eines unabhängigen litauischen Staates.
Einige antikommunistisch eingestellte Litauer begrüßten die Ankunft der deutschen Wehrmacht. Es bildeten sich neue nationalistische litauische Milizen, die sich dem deutschen Kampf gegen die Kommunisten anschlossen. In einigen Fällen griffen die Milizen auch Juden an und verübten Pogrome. Die deutsche Propaganda ermutigte die Litauer, Juden für die sowjetische Herrschaft verantwortlich zu machen. Viele der Pogrome wurden von deutschen Behörden initiiert.
Im August 1941 errichteten die Deutschen eine Zivilverwaltung in Litauen und besetzten viele Verwaltungspositionen mit Litauern.
Besetzung von Eyshishok durch die Deutschen
Ende Juni 1941 traf die deutsche Wehrmacht in Eyshishok ein, blieb jedoch nur einige Wochen.
Als das Militär abzog, übernahm eine zivile deutsche Besatzungsverwaltung die Stadt und die umliegende Region. Wie in vielen Teilen Europas stützten sich die Deutschen auf lokale Systeme und Kollaborateure, um ihre Macht zu sichern. So stand Eyschyschok zwar unter dem Kommando der Deutschen, aber unter ihren lokalen Vertretern waren auch Litauer.
Die deutschen Besatzungstruppen in Eyshishok setzten die Juden Zwangsarbeit, Gewalt und öffentlicher Demütigung aus. Das Tragen des Davidsterns war für alle Juden Pflicht. Sie demütigten religiöse jüdische Männer, indem sie deren Bärte abschnitten. Juden war es untersagt, Bürgersteige zu benutzen. Die Juden von Eyschischok wurden von den Deutschen zudem zur Herausgabe ihrer Wertsachen gezwungen.
Sie ordneten außerdem die Errichtung eines Judenrats in Eyshishok an. Der Rat war dafür zuständig, die Vorschriften der Besatzer durchsetzen. Die Mitglieder des Judenrats mussten außerdem sicherstellen, dass die von den Besatzern gestellten Forderungen an Zwangsarbeit erfüllt wurden. Der Judenrat hatte unter anderem die Aufgabe, die Deutschen mit Lebensmitteln zu versorgen.
Massenmord an den Juden von Eyshishok, September 1941
Die Massaker in Eyshishok waren Teil einer umfassenden Vernichtungskampagne in Litauen. Die Nationalsozialisten führten den Massenmord an den Juden in Litauen in einem erschreckend schnellen Tempo durch. Zur Zeit der NS-Besatzung lebten etwa 200.000 Juden in Litauen. In nur sechs Monaten ermordeten die Deutschen mit der Hilfe litauischer Kollaborateure 150.000 Juden.
Die deutsche SS- und Polizeieinheit Einsatzkommando 3 organisierte viele der Massaker im von Deutschland besetzten Litauen. Insbesondere massakrierten sie die Juden in den Gemeinden um die Städte Kovno (Kaunas) und Vilna. Das Einsatzkommando 3 war eine kleine Einheit und konnte den Massenmord nicht allein durchführen. Deshalb wurden Mitglieder litauischer Nationalistenmilizen in Hilfstruppen rekrutiert. In der Regel waren es diese Einheiten, welche die Massaker unter deutscher Aufsicht verübten.
Zu den im Sommer und Herbst 1941 in Litauen Ermordeten gehörten auch die Juden von Eyshishok.
Vor dem Massaker
Im September 1941 begannen das Einsatzkommando 3 und seine litauischen Hilfstruppen in der Nähe von Eyshishok mit der Durchführung der Massaker.
Einheimische Bauern warnten die Juden von Eyshishok und berichteten über die Geschehnisse. Sie ließen sie wissen, dass in nahegelegenen Städten Massaker an Juden stattfänden, darunter auch in der Stadt Varėna am 10.09.1941. Varėna lag nur etwa 32 Kilometer westlich von Eyshishok. Während einige Juden diese Warnungen verwarfen, nahm Rabbi Rozowski sie ernst. Rozowski berief ein Treffen ein. Er forderte die jüdische Gemeinde auf, Waffen zur Selbstverteidigung zu ergreifen. Unter den jüdischen Einwohnern herrschte Zurückhaltung und Uneinigkeit über die einzuschlagende Richtung.
Weniger als zwei Wochen später kam es in Eyschischok zu einem Massenmord.
Sonntag, 21. September 1941: Zusammentreiben der Opfer
Sonntag, der 21. September 1941 war der Vorabend von Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahr, und einer der heiligsten Tage im Judentum.
An diesem Morgen wurden Aushänge in der Stadt angebracht. Die deutsche Verwaltung ordnete an, dass die Juden von Eyshishok ihre verbliebenen Wertsachen abzugeben und sich am Abend in der Synagoge einzufinden hatten. Bewaffnete Fremde tauchten in der Stadt auf. Viele Juden versuchten, ihre Wertsachen zu verstecken, sichere Verstecke für sich selbst zu finden und Angehörige zur Flucht zu bewegen.
Im weiteren Verlauf des Tages wurden die Juden von Eyshishok von litauischen Hilfspolizisten zusammengetrieben. Sie zwangen die Juden, sich in die Synagoge und die Batei Midrasch (Orte für das Studium der Tora) zu begeben. Einige ignorierten die Anordnung und versuchten, sich bei ihren nicht jüdischen Nachbarn, Angestellten und Freunden zu verstecken oder zu fliehen. Litauische Hilfstruppen riegelten die Stadt ab, um die Menschen an der Flucht zu hindern.
Montag bis Mittwoch, 22.–24. September 1941: Festsetzung
Mindestens drei Tage lang wurden die Juden in der Synagoge und den beiden Batei Midrash zusammengepfercht und ohne Essen und Trinken festgehalten. Es gab keine sanitären Einrichtungen. Hunderte von Juden aus anderen Städten wurden zusätzlich gebracht, darunter aus der nahegelegenen Stadt Valkininkai (polnisch Olkieniki).
Das Einsatzkommando 3 richtete oft improvisierte Haftanstalten ein, die nur wenige Tage existierten. Ein derartiges Festhalten von Juden war typisch für den Holocaust in dieser Region. Der Zweck bestand darin, die Juden einer Gemeinde oder eines Bezirks vor ihrer Ermordung zusammenzuziehen.
Der sechzehnjährige Zvi Michaeli wurde zusammen mit seiner Familie in der Synagoge festgehalten. Jahre später erzählte er, wie die Menschen um ihn herum in Panik gerieten. Sie begannen zu rufen und zu schreien. Kinder weinten. Menschen traten sich gegenseitig auf die Füße, während sie sich zu den behelfsmäßigen Toiletten im Eingangsbereich begaben. Der Rabbi begann, die Menschen im Gebet zu führen. Die Synagoge war erfüllt von gleichzeitigem Schreien, Weinen und Beten.
Die Bedingungen verschlechterten sich, als immer mehr Juden aus der umliegenden Region in den Synagogenkomplex gebracht wurden. Zwei Tage und drei Nächte lang wurden die Juden in der völlig überfüllten Synagoge festgehalten.
Am Mittwoch, den 24. September, brachten die Täter die Juden nach draußen. Sie führten sie einige Häuserblocks entfernt zum Bereich des Pferdemarkts. Der Weg dahin führte durch die Ortsmitte. Einige Nachbarn hatten sich versammelt, um zuzusehen oder zu jubeln. Auf dem Pferdemarkt wurden die Juden von litauischen Hilfspolizisten und deren Hunden bewacht.
Donnerstag, 25. September 1941: Massaker an jüdischen Männern
Am Morgen des 25. September wählten die Täter etwa 250 junge und kräftige Männer aus den Tausenden von Menschen aus, die auf dem Pferdemarkt versammelt waren. Den Juden wurde gesagt, dass diese Männer ein Ghetto errichten würden. Stattdessen führten die litauischen Hilfstruppen sie zum alten jüdischen Friedhof. Dort wurden sie erschossen.
Die Juden, die auf dem Pferdemarkt zurückgeblieben waren, konnten das Massaker hören. Zvi Michaeli erinnerte sich, dass sich einige nicht jüdische Nachbarn dem Marktzaun näherten und die Juden aufforderten, zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Andere waren auf ihren materiellen Vorteil bedacht und riefen den Juden zu, ihre Wertgegenstände über den Zaun zu werfen.
Immer mehr Männer und Jungen wurden in Gruppen auf den alten jüdischen Friedhof geführt. Dort zwangen die litauischen Hilfskräfte sie, sich zu entkleiden. Während die Deutschen zusahen, erschossen die litauischen Hilfstruppen die jüdischen Männer, die daraufhin in eine Grube fielen. Die Frauen und Kinder blieben auf dem Pferdemarkt zurück, während die Männer erschossen wurden.
Zvi Michaeli stand mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder in der Reihe derjenigen, die als nächstes erschossen werden sollten. Während der Schießerei wurde er lediglich von einer Kugel gestreift. Doch sein Vater wurde von einer Kugel getroffen und Zvi wurde unter ihm begraben. Zvi erinnerte sich:
Ich bin noch immer bei Bewusstsein. Ich bekomme mit, was geschieht. Ich spüre, dass ich nicht tot bin… Ich lebe noch. Ich spüre seinen Körper lange auf mir. Und er wurde immer schwerer und schwerer. Ich habe das Gefühl zu ersticken. Ich halte es nicht mehr aus. Und ich spüre sein Blut überall an mir. Es war schwer, mich unter ihm herauszuwinden. Aber ich habe es irgendwie geschafft ….
Schließlich gelang es Zvi, aus dem Massengrab herauszukriechen und zu fliehen.
Freitag, 26. September: Massaker an Frauen und Kindern
Am Freitag, den 26. September, begannen die Täter mit dem Massaker an den Frauen und Kindern. Sie fuhren sie in Wagen zu einer etwa 1,5 Kilometer entfernten Kiesgrube. Die Grube lag hinter einem katholischen Friedhof. Die litauischen Hilfstruppen trennten Frauen und Kinder. Die Frauen wurden gezwungen, sich auszuziehen. Die Täter begannen mit der Erschießung in ein vorbereitetes Massengrab. Viele der jüngeren Frauen wurden vergewaltigt. Die Kinder wurden brutal getötet.
Leon Kahn und sein Bruder versteckten sich auf dem Friedhof. Sie waren Zeugen der Ermordung von Frauen und Kindern. Leon erinnerte sich später: „Das war kein Exekutieren oder Töten von Menschen. Es war Barbarei.“
Dokumentation des Massakers: Der Jäger-Bericht
Im Dezember 1941 brüstete sich Karl Jäger, Kommandant des Einsatzkommandos 3, dass seine Einheit „das Judenproblem für Litauen“ gelöst habe.
In seinem berüchtigten Bericht an Berlin führte er die Orte, Daten und Zahlen von über 100 Massakern auf. Das Einsatzkommando 3 führte die meisten dieser Massaker in dem von Deutschland besetzten Litauen durch. In dem Bericht wird das Datum des Massakers in Eyshishok (im Bericht als Eysisky geschrieben) mit dem 27. September angegeben. Es ist unklar, ob dies ein Irrtum war oder vielleicht ein Hinweis auf den Tag, an dem das Massaker abgeschlossen oder gemeldet wurde.
Jäger informierte seine Vorgesetzten in Berlin, dass seine Einheit insgesamt 137.346 Juden massakriert habe. Jeder statistische Eintrag im Jäger-Bericht steht für die grausame Ermordung von Menschen und die Vernichtung jüdischer Gemeinden in Litauen und Belarus.
Aus dem Jäger-Bericht geht hervor, dass 3.446 jüdische Menschen in Eyshishok ermordet wurden. Unter ihnen befanden sich 989 Männer, 1.636 Frauen und 821 Kinder. Berichte von Überlebenden deuten darauf hin, dass die Zahl der Toten noch höher sein könnte.
Rettung und Überleben in Eyshishok
Überlebende des Massakers
Hunderte jüdische Erwachsene und Kinder aus Eyshishok überlebten das Massaker zunächst, indem sie sich versteckten und flohen. Das in diesen Tagen herrschende Chaos bot Möglichkeiten zur Flucht. Einige weigerten sich, sich am Abend des 21. September in der Synagoge einzufinden. Andere schafften es, sich in den Tagen danach unbemerkt von der Synagoge oder vom Pferdemarkt zu entfernen. Laut Aussagen von Überlebenden haben litauische Hilfskräfte in mindestens zwei Fällen Juden bei der Flucht geholfen.
Diejenigen, die flohen und sich versteckten, waren auf Hilfe von Nichtjuden angewiesen. Sie baten ihre polnischen Nachbarn, Freunde und Angestellten um Hilfe. Die Polen halfen den Juden, sich an den litauischen und deutschen Wachen vorbeizustehlen. Sie versteckten sie in ihren Häusern und gaben ihnen Kleidung, um sie als Bauern zu tarnen. Nachdem Zvi Michaeli aus dem Massengrab gekrochen war, suchte er den Hof polnischer Freunde der Familie auf. Nackt und blutverschmiert stand er vor ihrer Tür. Sie wuschen ihn und kümmerten sich um ihn.
Das Massaker zu überleben, hieß für die verbleibenden Juden in Eyshishok jedoch nicht, dass ihr Überleben allgemein gesichert war. Die Besetzung durch die Deutschen und der Massenmord an den europäischen Juden hatten gerade erst begonnen.
Rettung und Überleben nach dem Massaker
Nach dem Massaker war es für die Juden von Eyshishok nicht mehr sicher, in der Stadt zu bleiben.
Viele flohen etwa neun Kilometer südlich in die Stadt Raduń, wo sie Freunde und Familienangehörige hatten. Raduń befand sich in einem anderen deutschen Verwaltungsgebiet als Eyshishok, und im September 1941 waren die Massentötungen in diesem Gebiet weniger systematisch. Dennoch überlebten viele der nach Raduń Geflüchteten den Holocaust nicht. Sie wurden im Mai 1942 getötet, als die Deutschen das Ghetto Raduń liquidierten.
Andere Juden versteckten sich auf dem Land, um nicht entdeckt zu werden. Sie verbrachten unterschiedlich viel Zeit mit polnischen Freunden oder Fremden. Einige schlossen sich Partisaneneinheiten in den nahegelegenen Wäldern an.
Mit dem Fortschreiten des Krieges wurde das Leben in und um Eyshishok zunehmend schwieriger. Die Strafen für die Unterstützung von Juden waren sehr hart. In der Region Eyshishok waren einige Menschen zwar bereit, Juden in Not zu helfen, jedoch nicht unbedingt bereit oder in der Lage, langfristige Unterstützung zu leisten.
Einige wenige Menschen taten dies jedoch, und zwar unter größtem Risiko. So versteckte etwa der polnische Bauer Kazimierz Korkuć (siehe externer Link auf Englisch) sechzehn Juden auf seinem Hof in einem nahegelegenen Dorf. Dazu gehörten seine Freunde, die Sonensons, darunter die junge Yaffa Eliach (geborene Sonenson). Antoni Gawryłkiewicz (siehe externer Link auf Englisch), ein junger polnischer Hirte, versorgte die jüdische Gruppe regelmäßig mit Lebensmitteln und Kleidung. Er fungierteauch als Kurier zwischen den Versteckten und Partisanen in der Gegend.
Als Korkuć und Gawryłkiewicz unter Verdacht gerieten, wurden sie von Besatzungsbeamten verhaftet, verhört und geschlagen. Allerdings gab keiner der beiden Männer zu, Juden versteckt zu haben. Korkuć wurde im Jahr 1973 als Gerechter unter den Völkern anerkannt. Gawryłkiewicz kam die Ehrung 1999 zu.
Nicht alle, die dem Massaker in Eyshishok entkommen waren, überlebten den Holocaust. Zusätzlich zu den im Ghetto Raduń ermordeten Menschen wurden weitere getötet, als ihr Versteck aufflog oder im Verlauf von Partisanenkämpfen.
Folgezeit
Zwischen Juli und Oktober 1944 drängte die sowjetische Rote Armee die Deutschen zurück und besetzte das Land erneut. Am 13. Juli 1944 eroberte die Rote Armee Eyshishok erneut. Die im Versteck überlebenden Juden kehrten allmählich in die Stadt zurück.
Am Ende haben nur sehr wenige Juden aus Eyshishok den Holocaust überlebt.
Doch diejenigen, die den Holocaust überlebt hatten, wurden immer wieder von den Erinnerungen an den September 1941 und die darauffolgenden Jahre heimgesucht. Zvi Michaeli erinnerte sich:
Ich habe den Holocaust emotional nie überlebt. Ich bin bis heute ein gespaltener Mann. Mein Körper liegt noch im Grab, mein Vater über mir. Das Blut meines Bruders und meines Vaters läuft mir noch immer über den Rücken. Sie sind bei mir. Sie begleiten mich an jedem Tag meines Lebens.
Gedenken im Turm der Gesichter
An die Juden von Eyshishok wird im Turm der Gesichter, einer Ausstellung im United States Holocaust Memorial Museum, erinnert. Der Turm zeigt mehr als 1.000 Fotografien. Die Bilder zeugen von dem kulturellen und gemeinschaftlichen Leben, das die Shtetl-Bewohner vor dem Holocaust führten.
Die Fotografien wurden von Yaffa Eliach (geborene Sonenson) zusammengetragen, einer der wenigen Überlebenden von Eyshishok. Yaffa Eliach war die Enkelin von Yitzhak und Alte Katz, den ehemaligen Besitzern des Fotoateliers der Stadt, die viele der ausgestellten Bilder aufgenommen hatten. Eliach reiste 15 Jahre lang um die Welt, um die Fotos wiederzufinden. Über ihre Motivation für den Turm der Gesichter schrieb sie:
Ich habe mich gefragt, welche Art von Denkmal die Bilder des Todes wohl überwinden und dem erfüllten, reichen Leben, das diese Menschen geführt hatten, gerecht werden könnte... Ich beschloss, einen eigenen Weg einzuschlagen und ein Denkmal für das Leben und nicht für den Tod zu schaffen.
Fußnoten
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Footnote reference1.
Die Geschichte der Region um Eyshishok ist komplex. Von 1569 bis 1795 waren Vilna und die umliegende Gegend, einschließlich Eyshishok, Teil der königlichen Republik Polen-Litauen. Ende des späten 18. Jahrhunderts wurde diese gewaltsam aufgelöst und zwischen dem Königreich Preußen, dem Österreichischen Reich und dem Russischen Reich aufgeteilt. Von 1795 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Eyshishok zum Gouvernement Vilna des Russischen Reiches. Mit dem Zusammenbruch des Russischen Reiches während des Ersten Weltkriegs wurden Polen und Litauen als unabhängige Staaten neu gegründet. Beide Staaten beanspruchten Vilna und die umliegende Region, einschließlich Eyshishok. Die genaue Grenze blieb bis 1922 umstritten, als Vilna und Eyshishok Teil der Zweiten Polnischen Republik wurden. Damals lag Eyshishok in der Woiwodschaft (polnischer Verwaltungsbezirk) Nowogródek.
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Footnote reference2.
Miriam Kabacznik Shulman, Interview geführt mit Randy M. Goldman, 23. Juli 1996, Teil 1, Abschrift und Aufnahme, The Jeff and Toby Herr Oral History Archive, United States Holocaust Memorial Museum, Washington, DC, RG-50.030.0375, https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn504868.
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Footnote reference3.
Zvi Michaeli, Interview geführt mit Irene Squire, 5. Februar 1996, Interview 11771, Segmente 62–63, Transkript und Aufnahme, Visual History Archive, USC Shoah Foundation.
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Footnote reference4.
Leon Kahn, Interview geführt mit Fran Starr, am 5. Dezember 1996, Interview 23999, Abschnitt 11, Transkript und Aufnahme, Visual History Archive, USC Shoah Foundation.
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Footnote reference5.
Zvi Michaeli, Interview geführt mit Irene Squire, 5. Februar 1996, Interview 11771, Segmente 166–167, Transkript und Aufnahme, Visual History Archive, USC Shoah Foundation.
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Footnote reference6.
Yaffa Eliach, There Once Was a World: A 900-Year Chronicle of the Shtetl of Eishyshok (Boston: Little Brown and Company, 1998), 3.